Warum wir Bewertungen manchmal mehr vertrauen als unserem eigenen Geschmack, weshalb Meinungen Updates brauchen und was uns beim ständigen Absichern entgehen kann: Maren Hartmann über ihr Buch „Ich frag mal kurz das Internet“.
Ein Restaurant hat hervorragende Bewertungen. Das Essen schmeckt trotzdem nicht. Eigentlich eine überschaubare Situation. Bis man sich fragt, ob man vielleicht das Falsche bestellt hat. Oder mit der falschen Erwartung gekommen ist. Die anderen waren schließlich begeistert.
Solche kleinen Verschiebungen interessieren Maren Hartmann: die Momente, in denen fremde Urteile anfangen, unsere eigenen zu überstimmen. In ihrem Sachbuch „Ich frag mal kurz das Internet – Wie Bewertungen, Trends und Meinungen unser Denken lenken“ verbindet sie Alltagsszenen mit Fragen zu Online-Rezensionen, sozialen Einflüssen und unserer Bereitschaft, die eigene Meinung zu hinterfragen.
Im Gespräch geht es um die Suche nach Sicherheit, um ziemlich überzeugende Sterne – und darum, warum auch eine gut vertretene Meinung gelegentlich überarbeitet werden darf.
BuchInsider: Du hast schon in deiner Masterarbeit über Bewertungen geschrieben. Warum brauchte es noch ein Buch?
Maren Hartmann: In meiner Masterarbeit ging es, vereinfacht gesagt, um Amazon-Bewertungen und ihren Einfluss auf unsere Kaufentscheidungen. Ein relevantes Thema. Nur legt man eine Masterarbeit selten einer Freundin hin und sagt: „Lies unbedingt weiter, gleich kommt die Methodik.“
Ich wollte das deshalb noch einmal unterhaltsam aufarbeiten. Für mich selbst und für andere. Mit Humor und Situationen, in denen man sich erkennt. Eine davon erlebte ich beim Besuch einer Freundin in Kalifornien. Restaurants, Shopping Malls, Strände: Ständig entschieden Online-Bewertungen mit, wohin wir gingen. Wir wollten unsere Zeit gut nutzen. Aber wer hatte da eigentlich bewertet? Und suchten diese Menschen dasselbe wie wir?
Aus der Frage nach Kaufentscheidungen wurde eine größere: Wie viel Gewicht geben wir fremden Meinungen – und warum?
Bei der Urlaubsplanung können Bewertungen doch helfen. Wo liegt der Haken?
Maren Hartmann: Natürlich helfen sie. Ich möchte auch wissen, ob eine Unterkunft sauber ist. Aber eine Bewertung kann ehrlich sein und trotzdem wenig darüber sagen, ob etwas zu mir passt. Ein riesiges Frühstücksbuffet ist für die eine Person ein Urlaubsargument. Eine andere möchte morgens einen Kaffee und ihre Ruhe. Im Buch frage ich deshalb: „Und stimmen deren Erwartungen überhaupt mit unseren überein?“ Mich interessiert die Begründung hinter den Sternen. „Abends nichts los“ könnte genau die Information sein, die ich brauche. Man müsste sie nur aus der Beschwerde heraushören.
Dazu kommt die Glaubwürdigkeit: Sind die Erfahrungen konkret? Wiederholen sich nachvollziehbare Probleme? Gibt es weitere Quellen? Im Buch geht es auch um manipulierte Rezensionen. Ein einzelnes Merkmal beweist allerdings noch keine Fälschung. Es sind also zwei Fragen: Kann ich dem Urteil vertrauen? Und ist es für meine Entscheidung überhaupt relevant?
Das klingt nach noch mehr Recherche. Wann haben wir genug gelesen?
Maren Hartmann: Wenn wir die ursprüngliche Frage ausreichend beantworten können. Schwierig wird es, wenn sie sich unterwegs verändert: Erst möchte ich wissen, ob das Hotel sauber ist. Später möchte ich ausschließen, dass irgendwo ein besseres existiert. Dafür bleibt das Internet zuverlässig geöffnet.
Man wollte kurz etwas klären. Jetzt hat man eine Vergleichstabelle, drei neue Bedenken und ein Angebot oberhalb des Budgets. Ich wollte eine Entscheidung treffen. Jetzt habe ich zwölf fremde Meinungen. Das passiert auch außerhalb des Einkaufens. Ein Beitrag gibt einen hilfreichen Impuls für den Familienalltag. Zehn Beiträge später soll der Spaziergang zusätzlich pädagogisch wertvoll sein. Vielleicht könnte man unterwegs noch etwas sammeln und anschließend basteln. Man wollte eigentlich nur raus.
Die Zwischenfrage lautet: Suche ich noch eine konkrete Information – oder inzwischen die Sicherheit, dass niemand meine Entscheidung besser treffen könnte?
Fremde Einflüsse erkennen wir oft bei anderen. Wie bemerken wir sie bei uns selbst?
Maren Hartmann: Indem wir uns nicht vorschnell ausnehmen. Die anderen fallen auf Werbung herein. Wir haben sorgfältig abgewogen. Eine angenehme Aufteilung, bei der für die eigene Prüfung wenig übrig bleibt. Ich würde mit einer konkreten Überzeugung anfangen. Woher kommt sie? Aus Erfahrung, verlässlichen Informationen oder einem Satz, den ich schon sehr lange kenne? Dann wird es unbequemer: Würde ich diese Information genauso prüfen, wenn sie meiner Meinung widerspräche? Oder reicht mir die Überschrift, weil sie bestätigt, was ich ohnehin denke? Die eigene Zustimmung ist noch kein abgeschlossener Faktencheck.
Im Buch gibt es dazu eine Checkliste. Eine wichtige Frage ist auch: Was könnte mich zum Umdenken bringen? Dabei muss ich Geschmack und überprüfbare Behauptungen unterscheiden. Ich darf ein gefeiertes Buch langweilig finden. Nicht jede Vorliebe muss zur Wahrheit erklärt werden, damit sie gelten darf.
Und wenn die Prüfung ergibt: Meine bisherige Meinung passt nicht mehr?
Maren Hartmann: Dann könnte etwas Vernünftiges passiert sein. Trotzdem fühlt es sich manchmal wie eine öffentliche Rückrufaktion an. Schließlich haben wir die Meinung vertreten, vielleicht andere überzeugt und Entscheidungen darauf aufgebaut. Dann kommt: „Du hast doch früher immer gesagt …“ Ja. Das ist bei einer Meinungsänderung gewissermaßen die Voraussetzung.
Entscheidend ist der Grund: Gibt es neue Informationen, bessere Argumente oder andere Umstände? Oder folge ich gerade nur der überzeugendsten Stimme? Im Buch schreibe ich: „Offen zu sein, bedeutet nicht, bei jeder Gelegenheit seine Meinung ändern zu müssen.“
Ich bin Mama von zwei Kindern. Einige meiner Vorstellungen vom Muttersein waren älter als meine praktische Erfahrung. Da waren Überarbeitungen erforderlich. Die frühere Version von mir wusste manches noch nicht. Die heutige übrigens auch nicht.
Eine Überzeugung darf bleiben. Sie sollte nur gelegentlich eine Rückfrage aushalten.
Von Hotelbewertungen bis zum Muttersein: Was verbindet diese Themen im Buch?
Maren Hartmann: Die Frage, wie aus einem fremden Urteil unser eigener Maßstab wird. Das Buch beginnt damit, wie Meinungen entstehen und weshalb wir an ihnen festhalten. Dann geht es um Sterne, Likes, Algorithmen, manipulierte Bewertungen, Gruppendruck und die Wirkung von Sprache. Schließlich wird es persönlich: Welche Kritik hilft uns? Wie ehrlich möchten wir sein? Welchen Meinungen geben wir zu viel Raum?
Alltagsszenen und Humor verbinden diese Themen. Wir recherchieren lange, um Zeit zu sparen. Wir möchten unabhängig urteilen und schauen vorsichtshalber nach, was alle anderen denken. Ich beschreibe das nicht von außen. Ich stecke selbst mittendrin.
Vielleicht beginnt jemand das Buch wegen der Online-Rezensionen und bleibt bei einer Überzeugung hängen, die schon lange ungeprüft mitläuft. Oder bei einem Kommentar, der erstaunlich viel Platz im Kopf beansprucht. Wenn man erst lacht und dann denkt „Leider ja“, hat man etwas bemerkt. Genau dort kann es weitergehen.
Du möchtest selbst Empfehlungen und Rezensionen. Wie passt das zusammen?
Maren Hartmann:Sehr gut zum Thema. Natürlich wünsche ich mir, dass mein Buch gelesen und weiterempfohlen wird. Ich schreibe über den Einfluss von Bewertungen und freue mich, wenn Menschen es bewerten. Hilfreich wird eine Rezension durch ihre Begründung: Was hat angesprochen? Was hat gefehlt? Welche Erwartungen wurden erfüllt? So können andere einschätzen, ob das Buch zu ihnen passt.
Und natürlich soll dieses Gespräch neugierig machen. Es wäre etwas ungünstig, wenn alle denken: „Interessantes Thema. Zum Glück jetzt vollständig erledigt.“ Hier haben wir einzelne Fragen angerissen. Das Buch gibt Raum für die Zusammenhänge und die eigenen Wiedererkennungsmomente. Wer zunächst prüfen möchte, ob ihm mein Ton gefällt, kann die Leseprobe öffnen. Eine eigene Meinung darf man sich ausdrücklich bilden. Auch über mein Buch.
Zum Weiterlesen
Für alle, die schon einmal länger Rezensionen gelesen als das gekaufte Produkt anschließend benutzt haben. Und sich fragen, wo fremde Meinungen sonst noch mitentscheiden.
Auf Instagram schreibt Maren als @maren.meint über Meinungen, Erwartungen und Alltag mit Kindern. Dazu gibt es Einblicke ins Schreiben und Sätze, die ihr später noch einfallen.
Letzte Aktualisierung am 20.10.2026 um 00:35 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API
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