Ein Ort, der Sicherheit versprechen sollte, wurde für Marina Camilla Hubmann zum Schauplatz von Angst und Gewalt. In ihrem Buch „Kinderdorf. Die Geschichte einer Betroffenen“, das am 8. März 2026 bei edition a als Hardcover erschienen ist und 160 Seiten umfasst, erzählt sie nicht nur von dem, was ihr widerfuhr, sondern auch davon, wie schwer es war, Jahrzehnte später gehört und ernst genommen zu werden. Das Buch trägt die ISBN 978-3-99001-917-7. BuchInsider hatte die Gelegenheit, mit der Autorin über das Buch und ihre Erfahrungen zu sprechen.
Ihr Buch beginnt nicht mit Ihrer Kindheit, sondern mit dem Wiedersehen mit Ihrer früheren Kinderdorfmutter in Salzburg. Warum war Ihnen wichtig, die Geschichte genau dort zu eröffnen?
Marina Camilla Hubmann: Das war primär eine dramaturgische Entscheidung. Natürlich hat mich dieses Treffen tief erschüttert und geprägt. In diesem Moment habe ich wieder diese absolute Machtlosigkeit gespürt, genau das Gefühl, das mich als Kind begleitet hat. Indem das Buch genau dort beginnt, werden die Leser direkt an diesem Wendepunkt abgeholt.
Ihre Fantasiewelten, der große Drache, Elfen und später sogar Arnold Schwarzenegger spielen im Buch eine erstaunlich große Rolle. Wann haben Sie verstanden, dass diese Fantasie für Sie als Kind keine Spielerei, sondern eine Überlebensstrategie war?
Marina Camilla Hubmann: Ich habe mir diese Welten als kleines Mädchen ganz bewusst erschaffen, um mir genau das zu geben, wonach ich mich so sehr sehnte: Liebe, Sicherheit und echte Freude. Ich wollte einfach lachen und glücklich sein. Das wünschte ich mir für alle, auch für mein gesamtes Umfeld.
Es war oft ein regelrechter Kampf, überhaupt in diese Fantasiewelten zu gelangen und dort zu bleiben. Wenn um einen herum nichts als Kälte, Schmerz und Dunkelheit herrscht und jeden Moment die Kinderdorfmutter kommen kann, um einen wegzuzerren und zu quälen, ist das unglaublich schwer. Unter solchen Schmerzen und Todesängsten war das ein riesiger Kraftakt.
Beim Lesen entsteht der Eindruck, dass nicht nur die erlebte Gewalt tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern auch das jahrzehntelange Gefühl, von Institutionen nicht wirklich gehört zu werden. Was davon wiegt für Sie heute schwerer?
Marina Camilla Hubmann: Eindeutig die Qualen und die schweren Verletzungen, die mir auf allen Ebenen zugefügt wurden, da ich heute noch mit den Folgen leben muss. Was dem Ganzen jedoch die Krone aufsetzte, war das anschließende Wegsehen und Vertuschen vieler sowie der Institution. Das hat das Unrecht nicht nur fortgeführt, dadurch wurden die ohnehin unversorgten Wunden nur noch schlimmer.
Sie schreiben an einer Stelle sinngemäß, dass Sie nicht nach Rache suchen. Was wäre für Sie stattdessen echte Aufarbeitung – und woran würden Sie erkennen, dass eine Institution Verantwortung tatsächlich übernommen hat?
Marina Camilla Hubmann: Rache bringt mir meine Kindheit nicht zurück und anderen Betroffenen auch nicht. Meine Kraft gehört der Zukunft und dem Schutz der Kinder von heute.
Echte Aufarbeitung bedeutet, bedingungslos zu Fehlern zu stehen und spürbare Veränderungen umzusetzen. Verantwortung zeigt sich nicht in Worten oder Berichten, sondern einzig in Taten: Ein geschlossenes System muss transparent und offen werden, mit dem Wohl der Kinder an oberster Stelle.
Dass eine institutionelle Verantwortung bis heute fehlt, sieht man doch allein daran, dass es schon eine zweite Kommission braucht. Dass eine der größten Kinderhilfsorganisationen mit all ihren Mitteln und ihrem Einfluss über Jahrzehnte hinweg Gewalt und Vertuschung gelebt hat, ist durch nichts zu entschuldigen. Das wirft zutiefst fundamentale Fragen auf.
Ich erinnere mich an ein ORF-Interview von Christine Thönicke-Frenkenberger mit Annemarie Schlack, der ehemaligen Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf. Darin ging es um die Einschätzung von Fachleuten: Systeme, die über so lange Zeit Vertuschung zugelassen haben, lassen sich kaum noch reformieren. Und da ging es nur um einzelne Einrichtungen. Wenn Reformen schon im Kleinen scheitern, wie soll das dann in so einem riesigen System funktionieren?
Mit Martin erleben Sie erstmals eine Beziehung, in der Sie nicht ständig funktionieren müssen. Wie schwierig war es nach Ihrer Kindheit überhaupt zu lernen, Sicherheit und Zuneigung anzunehmen, ohne sofort mit deren Verlust zu rechnen?
Marina Camilla Hubmann: Bei mir ist das etwas komplexer. Ich habe als Kind zwar nie echte Liebe erfahren. Aber ich trug sie immer tief in mir. Ich habe sie mir von niemandem nehmen lassen. Weil ich im Herzen ein offener, lebensfroher Mensch bin, wollte ich Vertrauen immer zulassen. Mein Herz war nie völlig verschlossen. Aber nach all dem Schmerz brauchte es Zeit. Und unendlich viel eigene Arbeit an mir selbst, um dieses Vertrauen auch wirklich leben zu können. Erst durch diesen Einsatz, getragen von Martins unerschütterlicher Kraft und Halt, habe ich als erwachsene Frau gelernt, was es wirklich bedeutet, mich bedingungslos fallenzulassen. Ohne Angst vor Verlust. Das war eine meiner größten Herausforderungen überhaupt.
Das Buch endet nicht mit einem Urteil und nicht mit einer Abrechnung, sondern mit Ihrer Hochzeit in Italien. Ist diese unspektakuläre Normalität am Ende vielleicht der größte Sieg Ihrer Geschichte?
Marina Camilla Hubmann: Ja, auf jeden Fall. Normalität und Sicherheit sind für mich nichts Selbstverständliches, sondern etwas außergewöhnlich Kostbares. Die Hochzeit bildet zwar den Abschluss dieses Buches, aber sie ist keineswegs das Ende meiner Geschichte, sie geht weiter.
Und dieses Weitergehen betrifft nicht nur mein privates Leben. Im Buch steht längst nicht alles. Ich habe noch so manches geplant. Mein Ziel bleibt es, dem Thema eine ganz neue gesellschaftliche Bedeutung zu verleihen und echte, nachhaltige Veränderungen durchzusetzen.
Herzlichen Dank für das spannende Interview!
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