Zwischen Diätwahn und Essensangst: Verlieren wir den gesunden Umgang mit Essen?

Warum starre Diäten, Ernährungsmythen und der Ruf nach mehr Disziplin unser Essverhalten nicht nachhaltig verändern
Entwickeln wir uns zu einem Land der Essens-Extreme? Das scheint eine provokative Frage zu sein, jedoch finden sich immer mehr Tendenzen zum Extremen, wenn wir uns das Essverhalten der Menschen detaillierter betrachten:
Die Menschen werden heutzutage überflutet mit Ernährungsinformationen, die sie zu jeder Zeit über verschiedene Medien erfragen und auch austauschen können. Diese Flut von Informationen kann auch verunsichern, denn auf verschiedenen Kanälen, beispielsweise Online-Portalen, werden unterschiedliche Ernährungsempfehlungen gegeben. Was stimmt nun aber und wann könnte es sich um einen „Ernährungsmythos“ handeln? Unter „Ernährungsmythen“ könnte man Ernährungsaussagen verstehen, die wissenschaftlich nicht belegt sind, aber eine große Resonanz in unserer Bevölkerung finden. Als Beispiel kann genannt werden: „Kartoffeln machen grundsätzlich dick“ und „Ananas macht schlank“. Starre Ernährungsvorgaben werden von vielen Produktherstellern und Abnehmprogrammen beworben, bei denen das Gefühl einer hohen Gewichtsabnahme erreicht wird. Kurzfristig wird dies beim Durchführen meist auch immer erreicht.
Warum Disziplin beim Essen zu kurz greift
In unserer heutigen Bevölkerung kursiert die Einstellung: Eine gesunde Ernährung und ein schlanker Körper haben nur etwas mit Disziplin zu tun! Übergewichtige oder gar adipöse Menschen sind disziplinlos und faul. Fast alle Ernährungsprogramme zur Gewichtsabnahme von übergewichtigen und adipösen Menschen orientieren sich an einer Wissensvermittlung und der Einhaltung von starren / restriktiven Diätmaßnahmen. Als wüssten diese Menschen nicht, dass sie mehr Gemüse als Schokolade am Tag verzehren sollten.
Dabei beschäftigen sich gerade adipöse Menschen, wie auch anorektische und orthorektische Menschen überdurchschnittlich stark mit dem Essen. Adipöse Menschen wissen oft sehr viel über Ernährung, können oft aber eine ausgewogene und kalorienbewusste Ernährung nicht oder nur zeitweise umsetzen. Der Druck durch restriktive Diätmaßnahmen, durch den alleinigen Fokus auf Ernährungswissen und Disziplin ist in der Regel nicht zielführend.
Wenn strenge Kontrolle ins Gegenteil kippt
Es führt zu einem rigiden Essverhalten. Rigides Essverhalten bedeutet Verbot bestimmter Lebensmittel, strenge Regeln, und dass Diätphasen mit Phasen abwechseln, in denen das Essverhalten nicht besonders gezügelt ist. Die meisten übergewichtigen und adipösen Menschen befinden sich jahrelang in Extremen bezüglich der Esskontrolle. Entweder kontrollieren sie ihre Ernährung sehr starr, zählen Kalorien, bewerten Lebensmittel streng nach gut und böse und verbieten sich sehr viele Lebensmittel.
Diese Kontrolle ist langfristig nicht aufrechtzuerhalten, denn sobald ein unvorhersehbares Ereignis eintritt, Stress vorhanden ist oder die Zahl der Waage nicht mehr das gewünschte Ergebnis anzeigt, bricht das gesamte Kontrollsystem um nach dem Motto „Nun ist es egal“. Nach der extrem strengen Kontrolle erfolgt nun die Phase, in der fast gar nicht mehr kontrolliert wird. Es gibt nur schwarz und weiß, kein grau.
Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass viele Menschen alles über Ernährung wissen können, es aber trotzdem nicht umsetzen können, denn zwischen Wissen und Umsetzung besteht eine Kluft. Und in dieser Kluft befinden sich Themen wie zum Beispiel das emotionale Essen. Essen hat nämlich nicht nur die Funktion einer Energie- und Nährstoffversorgung, sondern für viele Menschen erfüllt es auch Funktionen wie Belohnung, Entspannung, Frustabbau oder wird bei Langeweile angewandt.
Wenn dies relevant ist, dann wird das starre Kontrollsystem nicht dauerhaft aufrechtzuerhalten sein. Dies hat nichts mit reiner Disziplin zu tun. Wer Essverhalten ausschließlich über Disziplin erklärt, blendet aus, dass Menschen keine Maschinen sind. Essen ist eng mit Emotionen, Gewohnheiten, Erfahrungen und sozialen Situationen verbunden.
Neben den extremen Essverhaltenstypen im Bereich Adipositas und Übergewicht nehmen auch Extremformen bei Normalgewichtigen zu. Viele wollen in der Ernährung alles perfekt machen und orientieren sich dabei immer mehr an Zahlen und Fakten statt auf Körperwahrnehmungssignale zu achten. Diese Ausrichtung kann auch als Orthorexie bezeichnet werden.

Wie ein flexibler Umgang mit Essen entstehen kann
In meiner Ernährungstherapie steht das Essverhalten im Fokus! Statt einer Orientierung auf zahlenbasierten Größen und Fakten (Kalorien, Menge an Kohlenhydraten, Gewichtszahl), arbeiten wir Schritt für Schritt an der Umstellung von ungünstigen Essgewohnheiten.
Eine langfristige Ernährungsumstellung funktioniert nicht innerhalb von zum Beispiel zwei Monaten. Es ist die Frage: Kann jemand, der beispielsweise seit 20 Jahren mit Adipositas und ungünstigen Essverhaltensweisen zu kämpfen hat, dies in zwei Monaten wirklich ändern?
Extreme sind immer schlecht – vor allem in einer Ernährungsumstellung
Wir lernen viele Techniken, um ein flexibles und achtsames Essverhalten aufzubauen. So können wir beispielsweise mit dem funktionalen Bedingungsmodell im ersten Schritt erst mal feststellen: Was löst meine unkontrollierte und hochkalorische Nascherei aus? Mit dieser Methode können wir Situationen, Gedanken, Emotionen und die darauf erfolgten Verhaltensweisen tiefgehender verstehen.
Denn viele Menschen essen etwas, was nicht ihrem Konzept entspricht, und nehmen dann die anschließenden Schuldgefühle wahr. Nur werden Schuldgefühle das Verhalten der Menschen nicht ändern! Die Formel „Erkennen, Akzeptieren, Transformieren“ ist ein Beispiel im Prozess der Verhaltensänderung. Im Repertoire habe ich viele weitere Strategien, um Schritt für Schritt Essverhalten zu entwickeln.
Mit diesen Zusammenhängen und Wegen zu einem ausgewogeneren Essverhalten beschäftige ich mich auch ausführlicher in meinem Buch („Neues Leben – Neues Ich).
Dabei ist mir ein Gleichgewicht sehr wichtig, abseits von Extremen. Es gibt keine Lebensmittelverbote und auch Druck sollte kein Bestandteil beim Umgang mit der Ernährung sein.
Gesundes Essverhalten bedeutet nicht, jeden Bissen zu kontrollieren, Kalorien zu zählen oder Lebensmittel in „gut“ und „böse“ einzuteilen. Es bedeutet auch nicht, immer alles perfekt machen zu müssen. Vielmehr geht es darum, wieder ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln und einen flexiblen Umgang mit Essen zu lernen.
Veränderung braucht Zeit, Verständnis und vor allem einen Blick auf den Menschen hinter dem Essverhalten. Nicht Verbote und Schuldgefühle bringen uns langfristig weiter, sondern die Bereitschaft, die eigenen Gewohnheiten, Bedürfnisse und Emotionen zu verstehen und Schritt für Schritt neue Wege zu entwickeln.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber sprechen, wie viel Disziplin ein Mensch beim Essen besitzt – und mehr darüber, was hinter seinem Essverhalten steckt.
Denn Ernährung ist mehr als Kalorien, Gewicht und Nährstofftabellen. Essen ist Teil unseres Lebens. Und ein gesundes Verhältnis dazu darf auch eines sein: flexibel, genussvoll und ohne Extreme.
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