Vom erfolgreichen Unternehmer zum Kontrollverlust: Michael Gruningers Geschichte zeigt, wie schleichend aus vermeintlich rationalen Entscheidungen eine zerstörerische Abhängigkeit werden kann. Was als Trading begann, griff immer tiefer in sein Leben ein – mit finanziellen, persönlichen und schließlich auch strafrechtlichen Folgen.
In seinem bald erscheinenden Buch: „Mission Spielfrei“ blickt er ungewöhnlich offen auf seinen Absturz zurück und beschreibt, wie schwer es ist, sich die eigene Sucht überhaupt einzugestehen. Im Interview mit BuchInsider spricht er darüber, wann die Fassade zu bröckeln begann, was ihn am Ende wirklich zum Umdenken brachte und warum er seine Geschichte heute öffentlich macht.

Sie waren Unternehmer, wirtschaftlich erfahren und gewohnt, Risiken einzuschätzen. Wann wurde aus dem vermeintlich kontrollierten Trading etwas, das Sie selbst nicht mehr kontrollieren konnten?
Michael Gruninger: Das Verrückte ist: Am Anfang war ich sogar sehr erfolgreich. Nach der Insolvenz unseres Familienunternehmens und dem Tod meines Vaters war die Börse für mich eine Art Rettungsanker. Ich konnte wieder etwas leisten, Entscheidungen treffen und mir beweisen, dass ich erfolgreich sein kann. Mein Depot wuchs zeitweise auf rund zwei Millionen Euro. Genau diese Erfolge waren vermutlich das Gefährlichste, was mir passieren konnte. Irgendwann ging es nicht mehr nur um Geld. Jeder Gewinn bestätigte mich, jeder Verlust stellte mich infrage. Ich kontrollierte morgens als Erstes die Kurse, nachts die Futures. 2014 kam dann der erste große Totalverlust. Eigentlich hätte die Geschichte dort enden müssen. In Wahrheit fing sie dort erst richtig an.
Nach außen lief Ihr Leben lange weiter – obwohl sich im Hintergrund bereits vieles zuspitzte. Wie groß war die Diskrepanz zwischen dem Bild, das andere von Ihnen hatten, und Ihrer tatsächlichen Situation?
Michael Gruninger: Enorm. Nach außen war ich weiterhin der Unternehmer aus einer bekannten Familie, jemand mit Kontakten, Vermögen und einem vermeintlich geordneten Leben. Und ich war sehr gut darin, dieses Bild aufrechtzuerhalten. 2015 begann ich, mir erstmals Geld aus der Familie zu leihen und Geschichten darüber zu erfinden, wofür ich es brauchte. Das Erschreckende war, wie leicht mir das irgendwann fiel. Meine Erklärungen hatten häufig einen wahren Kern und waren deshalb glaubwürdig. Während andere noch einen funktionierenden Menschen sahen, drehte sich bei mir innerlich immer mehr nur noch eine Frage: Wo bekomme ich Geld für den nächsten Versuch her? Die Fassade schützte irgendwann nicht mehr mich – sie schützte meine Sucht.
Gab es einen Moment, in dem Sie selbst wussten: „Das geht nicht mehr gut“ – und trotzdem weitergemacht haben?
Michael Gruninger: Ja. Nach meinem ersten großen Totalverlust 2014 waren von meinem Depot noch ungefähr 250.000 Euro übrig. Meine damalige Frau sagte sinngemäß: Hör jetzt auf! Wir haben ein Haus, Einkommen, unsere Kinder, uns geht es immer noch gut. Ich verstand jedes einzelne Argument. Und trotzdem konnte ich es nicht akzeptieren. Ich ließ sie schließlich in dem Glauben, ich hätte mit dem Trading aufgehört – und machte heimlich weiter.
Rückblickend ist das einer der entscheidenden Momente meiner Geschichte. Ich wollte plötzlich nicht mehr reich werden. Ich wollte unbedingt den alten Zustand wiederherstellen. Die zwei Millionen Euro wurden zu einem Fixpunkt in meinem Kopf. Ich glaubte, erst wenn ich dort wieder angekommen wäre, könnte alles wieder gut sein. Was natürlich Humbug war.
Ihre Spielsucht hatte am Ende nicht nur finanzielle, sondern auch persönliche und strafrechtliche Konsequenzen. Was war rückblickend der Punkt, an dem Ihr bisheriges Leben endgültig zusammengebrochen ist?
Michael Gruninger: Der 20. Dezember 2023. Meine Töchter waren gerade einmal zehn Minuten aus dem Haus, als sechs bis acht Kriminalbeamte vor meiner Tür standen. Am Abend zuvor hatten wir noch gemeinsam den Weihnachtsbaum geschmückt. Vier Tage später verbrachte ich Weihnachten mit einem fremden Menschen in einer neun Quadratmeter großen Gefängniszelle. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber die Verhaftung war neben allem Schrecklichen auch eine Form von Erlösung. Zum ersten Mal konnte ich nicht mehr versuchen, das nächste Loch mit noch mehr Geld, einer neuen Geschichte oder einem weiteren Trade zu stopfen. Der Kreislauf war brutal beendet worden. Und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich nicht nur Geld verloren hatte, sondern Vertrauen, Beziehungen, Glaubwürdigkeit und einen großen Teil meines bisherigen Lebens.
Wann kam der Moment, an dem Sie aufgehört haben, nach dem nächsten Ausweg oder nächsten Gewinn zu suchen – und stattdessen begonnen haben, sich wirklich mit Ihrer Sucht auseinanderzusetzen?
Michael Gruninger: Das war eher ein Prozess als ein einzelner Moment. Von September bis Ende November 2023 war ich drei Monate stationär in Therapie. Das war das erste Mal, dass ich wirklich begann zu verstehen, was mit mir passiert war. Wenige Wochen später wurde ich verhaftet. Im Gefängnis war mir plötzlich jede Möglichkeit genommen, wieder zu traden, Kurse zu verfolgen oder noch irgendetwas „retten“ zu wollen. Später wurde die therapeutische Arbeit noch intensiver. Und dabei änderte sich vor allem die Frage in meinem Kopf: Nicht mehr Wie bekomme ich das Geld zurück?, sondern Warum habe ich über Jahre immer wieder so gehandelt? Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Für mich war es ein fundamentaler.
„Mission Spielfrei“ ist stark von Ihrer eigenen Geschichte geprägt. Welche Szene oder Erfahrung aus dem Buch war für Sie am schwersten aufzuschreiben – und warum wollten Sie sie trotzdem öffentlich machen?
Michael Gruninger: Es gibt nicht diese eine Szene. Besonders schwer sind für mich aber die Stellen, an denen es um meine Kinder und um die Menschen geht, die durch mein Verhalten geschädigt wurden. Über Millionenbeträge und Trades kann man irgendwann fast sachlich schreiben. Über die eigenen Töchter, die ihren Vater im Gefängnis besuchen müssen, deutlich weniger. Genau deshalb wollte ich diese Dinge aber nicht auslassen.
Ich kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist. Ich kann nur offen zeigen, wie weit eine solche Sucht einen Menschen bringen kann. Und mir ist dabei etwas sehr wichtig: Die Krankheit erklärt vieles von dem, was ich getan habe – sie entschuldigt es nicht. Wenn meine Geschichte dazu führt, dass jemand bei sich selbst oder einem Angehörigen früher erkennt, was gerade passiert, dann kann aus meinem Absturz zumindest noch etwas Sinnvolles entstehen.
Für wen haben Sie „Mission Spielfrei“ geschrieben?
Michael Gruninger: Für Betroffene, die vielleicht schon spüren, dass etwas aus dem Ruder läuft, aber noch glauben, sie hätten alles unter Kontrolle. Genauso aber für Angehörige, Freunde und Menschen aus dem beruflichen Umfeld, die sich fragen, wie sie Warnsignale erkennen und richtig reagieren können. Mir war wichtig, kein reines Erfahrungsbuch zu schreiben, sondern meine Geschichte mit konkreter Orientierung zu verbinden. Wenn das Buch dabei hilft, das Schicksal auch nur einer Person positiv zu beeinflussen, dann war es die ganze Mühe wert.
Herzlichen Dank für das ausführlicher Interview. Weitere Informationen über den Autor und das Buch gibt es auf www.mission-spielfrei.de.
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