Ein Buch vor dem Einschlafen vorgelesen zu bekommen, gehört für viele Kinder zu den festen Ritualen des Tages und ist in einer von Bildschirmen geprägten Zeit für Eltern längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Pädagoginnen und Sprachforscher betonen seit Jahren, wie wichtig genau dieses Ritual für Wortschatz, Fantasie und das Gefühl von Geborgenheit ist. Kaum jemand kennt diese Wirkung so genau wie Kristin Franke. Seit 2016 schreibt und illustriert die studierte Germanistin Kinderbücher, die genau dort ansetzen. Bei geheimnisvollen Wichteltüren, einem widerspenstigen Wildschwein oder einem kleinen Schwein, das lieber ins All fliegen möchte, als im Stall zu bleiben. Mit ihrem eigenen Verlag TinyFoxes hat sie sich in den vergangenen Jahren einen festen Platz in deutschen Kinderzimmern erschrieben, von Pappbilderbüchern für die Allerkleinsten bis zu längeren Erzählungen für Vorschul- und Grundschulkinder. Was macht gute Vorlesegeschichten aus und wie kommt eine ehemalige Fernsehautorin dazu, ihr eigenes kleines Verlagsimperium aufzubauen? Wir haben die bemerkenswerte Autorin getroffen und nachgefragt.
Frau Franke, Sie haben Germanistik und Philosophie an der TU Dresden studiert, dort im Fachbereich Mediävistik unterrichtet und später als Fernsehautorin in Leipzig gearbeitet. Wie kam es dazu, dass Sie 2016 Ihr erstes Kinderbuch veröffentlicht haben?
Kristin Franke: Das Schreiben hat mich eigentlich schon immer begleitet. Ich habe bereits mit sechzehn in der Lokalredaktion meiner Heimatstadt in der Oberlausitz erste Zeilen veröffentlicht. Über das Germanistik- und Philosophiestudium an der TU Dresden und die Lehraufträge in der Mediävistik bin ich dann eher akademisch beim Erzählen gelandet, ziemlich weit weg von Kinderbüchern, wie es zunächst schien. 2007 bin ich nach Leipzig gezogen und die Zeit als Fernsehautorin hat mir gezeigt, wie viel Freude es mir macht, Geschichten für ein Publikum zu entwickeln, das sofort reagiert. Mit den eigenen drei Kindern kam dann der Punkt, an dem ich selbst wieder sehr viel vorgelesen habe und irgendwann fehlte mir schlicht die Geschichte, die ich meinen eigenen Kindern erzählen wollte. Also habe ich sie selbst geschrieben und gleich mit illustriert, denn Zeichnen und Malen waren mir immer mindestens so wichtig wie das Schreiben, und ich wollte beides nicht mehr trennen.
Bücher von Kristin Franke auf Amazon – Empfehlungen
Ihr Debüt „Das Geheimnis der Wichteltür” schaffte es Ende 2018 in die Top 20 der deutschsprachigen Kinderbücher auf Amazon. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg im Rückblick?
Kristin Franke: Ich glaube, die Idee einer kleinen Tür, hinter der sich eine ganze Wichtelwelt verbirgt, trifft etwas sehr Grundlegendes, nämlich den Wunsch, dass es im eigenen Zuhause noch ein verstecktes kleines Wunder geben könnte. Für Kinder ist das ein Anker für die eigene Fantasie, für Eltern ist es ein Ritual, das Nähe schafft. Dass daraus inzwischen eine ganze Wichtelwelt mit eigenen Türen und Zubehör geworden ist, hätte ich beim ersten Buch nicht erwartet. Der Erfolg hat mich damals selbst überrascht und mir gleichzeitig gezeigt, dass es sich lohnt, konsequent bei den eigenen Themen zu bleiben, statt Trends hinterherzuschreiben. Rückblickend war dieses erste Buch auch deshalb wichtig, weil es mir gezeigt hat, dass ich Geschichten, Bilder und die ganze Vermarktung tatsächlich selbst in der Hand behalten kann, ohne dafür einen klassischen Verlag zu brauchen.

Mittlerweile sind bei TinyFoxes fast zwanzig Kinderbücher erschienen – von „Die Ningelnatter” über „Das Weltraumschwein” bis zu „Ein ganzes Jahr im Wichtelwald”. Wie entstehen Ihre Geschichten?
Kristin Franke: Meistens stehen am Anfang ganz alltägliche Beobachtungen. Wir leben mit unseren drei Kindern, ein paar ziemlich eigenwilligen Hühnern, Katzen und zwei Enten am Rand von Leipzig, und aus diesem Alltag entstehen erstaunlich viele Ideen. Aus einem bockigen Wildschwein-Vergleich wurde irgendwann „(K)ein wildes Schwein”, aus der Frage, warum sich ein Tier eigentlich immer anpassen muss, „Das Weltraumschwein”. Mir ist wichtig, dass die Figuren nicht einfach nur brav sind, sondern eigene Ecken und Kanten haben dürfen. Erst wenn ich eine Geschichte selbst laut vorlesen kann, ohne dass sie mir langweilig wird, beginne ich mit den Illustrationen dazu.

Ihr Programm reicht von robusten Pappbilderbüchern wie der Linus-Reihe für die Jahreszeiten bis zu Erzählungen wie „Ein unvergessliches Abenteuer” oder „Hexe Nelli. Halbsommerfest im Munkelwald”. Wie breit denken Sie Ihr Verlagsprogramm?
Kristin Franke: Ganz bewusst breit, weil Kinder sich in wenigen Jahren enorm entwickeln. Mit Linus begleiten wir zum Beispiel die Jahreszeiten in ganz einfachen, robusten Pappbilderbüchern für die Zweijährigen, die Seiten auch mal in den Mund nehmen dürfen. Parallel dazu gibt es längere Geschichten wie „Ein unvergessliches Abenteuer” oder „Hexe Nelli”, die schon mehr Handlung und Spannungsbogen vertragen und eher an Vier- bis Achtjährige gehen. Mir war wichtig, dass Familien bei TinyFoxes über Jahre hinweg passende Bücher finden, nicht nur ein einzelnes Thema für eine kurze Altersspanne. Das macht die Arbeit aufwendiger, aber auch deutlich abwechslungsreicher.
Bei TinyFoxes sind Sie Autorin, Illustratorin und Geschäftsführerin in Personalunion. Wie sieht Ihr Alltag zwischen Schreiben, Zeichnen und Verlagsarbeit aus?
Kristin Franke: Ehrlich gesagt bunt gemischt. Ein Vormittag kann mit Illustrationen für ein neues Buch beginnen und mit Fragen zu Druck, Versand oder Marketing enden. Diesen Teil selbst zu organisieren, war mir von Anfang an wichtig, auch wenn es mehr Arbeit bedeutet, als einen fertigen Text bei einem Verlag abzugeben. Dafür kann ich aber jede Entscheidung, vom Papier bis zur Farbgebung, selbst treffen. Dass daraus über die Jahre ein kleiner, aber sehr lebendiger Verlag geworden ist, macht mich schon stolz, gerade weil ich nie geplant hatte, einmal Geschäftsführerin zu werden. Aus einem einzigen Buch über eine Wichteltür ist inzwischen ein Programm mit fast zwanzig Titeln geworden, dazu die Wichteltüren und das ganze Zubehör drumherum. Wenn ich zurückblicke, war jeder einzelne Schritt dahin eher ein Ausprobieren als ein großer Plan, aber ich habe keinen davon bereut.
Viele Familien suchen gezielt nach Gute-Nacht-Geschichten zum Vorlesen. Was macht für Sie eine gute Einschlafgeschichte aus?
Kristin Franke: Tempo und Ton sind entscheidend. Kurz vor dem Schlafengehen darf eine Geschichte spannend sein, sollte aber nicht aufwühlen, sondern am Ende immer wieder Ruhe finden. Ich schreibe deshalb gern für die Altersspanne zwischen zwei und sechs Jahren, mit klaren, wiederkehrenden Strukturen, die Kindern Sicherheit geben, und mit einem Schluss, der ein gutes Gefühl hinterlässt. Gleichzeitig darf ruhig auch mal etwas Schräges oder Witziges vorkommen, wie bei der Zwiebel, die anfängt zu sprechen, oder dem Huhn, das sich im Küchenschrank versteckt. Kinder merken sehr genau, wenn eine Geschichte nur pädagogisch gemeint ist und ihnen der Humor fehlt. Deshalb lese ich jeden Text vor der Veröffentlichung selbst mehrfach laut vor, oft abends genau in der Situation, für die er eigentlich gedacht ist.
Mit welchem Buch sollten neue Leserinnen und Leser beginnen, wenn sie TinyFoxes und Ihre Geschichten kennenlernen möchten?
Kristin Franke: Für den Einstieg empfehle ich meist die Wichtelwelt rund um „Das Geheimnis der Wichteltür”, weil sie unser Grundthema am deutlichsten zeigt, dass hinter dem Alltäglichen noch etwas Besonderes stecken kann. Wer es lieber tierisch mag, ist bei „Das Weltraumschwein” oder „(K)ein wildes Schwein” gut aufgehoben, und für die Jüngsten eignet sich die Linus-Reihe als sanfter Einstieg ins Vorlesen. Am Ende ist aber ohnehin jede Familie anders, deshalb schaue ich selbst gern, welches Buch zu welchem Kind passt, statt pauschal ein einziges zu empfehlen. Einen Überblick über alle Kinderbücher gibt es in der
Kinderbuch-Kollektion von TinyFoxes, von dort aus findet eigentlich jede Familie schnell die passende Gute-Nacht-Geschichte für ihre Kinder.
Letzte Aktualisierung am 8.08.2026 um 06:54 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API
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