Ein Sommer, der seine Unschuld verliert
1969: Die Welt blickt zum Mond, in einer fränkischen Kleinstadt scheint das Leben noch in vertrauten Bahnen zu laufen. Bäckerei, Friseursalon, Buchhandlung, Felder, Bachränder – Susanne Schulz setzt in „Der unheilige Mond“ zunächst auf eine fast friedliche Kulisse. Doch genau diese Ruhe macht den Roman so wirksam. Denn kurz vor der ersten Mondlandung verschwindet die fünfzehnjährige Ingrid. Es handelt sich um keinen Thriller-Auftakt, eher ein kaum wahrnehmbarer Riss, der sich Seite für Seite vertieft.
Der Verlag beschreibt den Roman als Geschichte über einen fränkischen Sommer, in dem das Verschwinden eines Mädchens alte Loyalitäten, Machtgesten, Schuld und verdrängte Erinnerungen freilegt. Das Buch umfasst 324 Seiten und ist als Softcover um 18 Euro erhältlich.

Warum dieser Roman stärker wirkt als ein klassischer Krimi
Wer bei einem verschwundenen Mädchen automatisch einen Ermittlungsroman erwartet, wird überrascht. „Der unheilige Mond“ sucht nicht nach schnellen Antworten. Der Roman arbeitet subtiler, literarischer und nachhaltiger. Im Zentrum steht der neunjährige Ferdi, der durch Felder und an Bachrändern entlangstreift und dabei auf Spuren stößt, die weit über Ingrids Verschwinden hinausweisen.
Diese Perspektive ist eine der großen Stärken des Buches. Ferdi sieht vieles, versteht aber nicht alles. Gerade dadurch entsteht Spannung. Leserinnen und Leser wissen: Hinter Gesprächen, Gesten und Auslassungen liegt mehr, als offen gesagt wird. Erwachsene schweigen, Häuser bewahren Geschichten, Familien schützen ihre Version der Wahrheit. Schulz nutzt dieses Schweigen nicht als bloßes Geheimnis, sondern als literarischen Motor.
Die Vergangenheit ist nicht vorbei
Besonders eindrucksvoll ist, wie der Roman die Jahre des Nationalsozialismus nicht als abgeschlossenes Kapitel behandelt. Die Vergangenheit tritt nicht in Form großer Enthüllungen auf, sondern in Andeutungen, Erinnerungsfragmenten und Verhaltensmustern. Darin liegt die Glaubwürdigkeit des Textes. Die Kleinstadt wird nicht als dunkler Ort gezeichnet, sondern als scheinbar normaler Raum, in dem Verdrängung Teil des Alltags geworden ist.
Susanne Schulz erzählt nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sie vertraut auf Atmosphäre, Beobachtung und die schleichende Erkenntnis, dass das Unausgesprochene oft gefährlicher ist als das offen Bekannte.
Poetisch, bildstark, ungewöhnlich fesselnd
Sprachlich lebt „Der unheilige Mond“ von Kontrasten: oben die Euphorie über den Mond, unten die Enge der Landstraße; dort der historische Fortschritt, hier das zähe Schweigen einer Gemeinschaft. Die Bilder sind klar, sinnlich und zugleich unheilvoll. Ein Kornfeld kann in diesem Roman friedlich wirken; und im nächsten Moment wie ein Ort, an dem etwas verborgen liegt.
Gerade diese Mischung macht das Buch verkaufsstark: Es spricht Leserinnen und Leser an, die Spannung suchen, aber mehr erwarten als einen Plotmechanismus. Es ist ein Roman für Menschen, die Familiengeheimnisse, deutsche Nachkriegsgeschichte, atmosphärische Literatur und psychologische Tiefe schätzen.
Fazit: Ein stiller Sog, der lange nachwirkt
„Der unheilige Mond“ ist kein Buch, das laut um Aufmerksamkeit wirbt. Es zieht leiser – und gerade deshalb – stärker in die Story hinein. Susanne Schulz verbindet das Verschwinden eines Mädchens mit der Frage, was eine Gemeinschaft verdrängen kann, bis das Schweigen selbst zur Schuld wird. Der Roman verspricht Spannung ohne Effekthascherei, historische Tiefe ohne trockene Belehrung und eine Atmosphäre, die sich zunehmend verdunkelt.
Wer literarische Spannung mit Substanz sucht, sollte sich dieses Buch vormerken. „Der unheilige Mond“ wirkt wie ein Sommerbild, das bei näherem Hinsehen Risse bekommt – schön, beunruhigend und schwer zu vergessen.
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