Cornelia Schlögl: „Schluss mit nett“ – ein Führungsbuch gegen die stille Selbstverkleinerung
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Leadership für Frauen - die größten Irrtümer im Buch: "Schluss mit nett! von Cornelia Schlögl
Absolute Empfehlung
9.5Außergewöhnlich
Cornelia Schlögl gelingt es, in diesem Buch, die Besonderheiten im Führungsverhalten von Frauen herauszuarbeiten. Jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger oder Schuldzuweisungen, sondern auf unterhaltsame Art. Gleichzeitig wirft sie einen völlig neuen Blick auf das Phänomen Führung, welches auch Männern dabei hilft, ihre Leadership-Skills zu verbessern. Cornelia Schlögl - eine Frau, die weiß, wovon sie schreibt!
Das Positive
Neue Blickwinkel auf das Thema Leadership
Das Negative
Leider werden es vermutlich die Personen, die es am meisten benötigen, nicht lesen...
Lesbarkeit10
Aufmachung10
Produktionsqualität10
Lernanlässe9
Aha-Momente9
Weiterempfehlungswahrscheinlichkeit9
Der Titel ist nichts für Menschen, die Bücher gern schonend beginnen lassen. „Schluss mit nett – Führung braucht Eierstöcke!“ klingt nach Ansage, nach Reibung, vielleicht auch nach einem dieser Businessbücher, die erst poltern und dann wenig halten. Bei Cornelia Schlögl lohnt sich allerdings ein zweiter Blick. Hinter der Provokation steckt kein lauter Karriereslogan, sondern ein Thema, das viele Frauen aus ihrem Berufsalltag kennen: kompetent sein, vorbereitet sein, Verantwortung tragen und trotzdem zu oft überhört, unterschätzt oder in die Rolle der Angenehmen gedrängt werden.
Das Buch erscheint am 18. Mai 2026, umfasst 260 Seiten, kostet 20 Euro und trägt die ISBN 978-3986413019. Der Verlag beschreibt es als praxisnahes Führungsbuch für Frauen, die sichtbarer, klarer und wirksamer führen wollen – mit Werkzeugen für Grenzen, Gesprächsführung, Entscheidungen, Delegation und Selbstführung.
Interessant wird dieses Buch vor allem durch die Autorin. Cornelia Schlögl kommt nicht aus der reinen Coaching-Ecke, sondern aus der betrieblichen Praxis. Ihr beruflicher Werdegang führte von der Buchhaltung über Rechnungswesen und Controlling bis hin zur HR-Verantwortung und kaufmännischen Leitung. Seit über 30 Jahren ist sie im Umfeld der PUREA/TKV-Gruppe tätig; das Unternehmen führt sie aktuell im Team als Head of Human Resources und im Financial Management. Genau dieser Hintergrund gibt dem Buch eine andere Erdung als vielen Ratgebern, die Führung oftmals nur aus Seminarunterlagen kennen.
Schlögl schreibt nicht von außen über Organisationen. Sie kennt Strukturen, Hierarchien, unausgesprochene Regeln, Rollenbilder und jene Zwischenräume, in denen Frauen häufig besonders genau beobachtet werden. Es geht nicht um theoretische Empowerment-Sätze, sondern um Situationen, die in Unternehmen jeden Tag vorkommen: Wer spricht? Wer wird gehört? Wer bekommt Verantwortung? Wer muss sich erklären? Und wer wird schneller als „schwierig“ wahrgenommen, obwohl eigentlich nur Klarheit im Raum steht?
Die Nettigkeitsfalle als berufliches Muster
Schlögls Kernbegriff ist die „Nettigkeitsfalle“. Gemeint ist nicht Freundlichkeit. Auch nicht Empathie. Gemeint ist jene Form von Anpassung, die im Berufsleben oft harmlos aussieht, aber Wirkung kostet: Sätze entschärfen, bevor sie ausgesprochen sind. Den eigenen Anspruch relativieren. Entscheidungen weich formulieren. Konflikte zu lange ausgleichen. Sichtbarkeit vermeiden, weil Sichtbarkeit angreifbar macht.
Das Buch will zeigen, wie Frauen in Führungspositionen Grenzen setzen, Gespräche strukturieren und führen können, ohne sich zu verbiegen.
Das trifft einen Punkt, der vielen Leserinnen bekannt vorkommen dürfte. Denn die Nettigkeitsfalle beginnt selten dramatisch. Sie beginnt mit kleinen Formulierungen. Mit einem „vielleicht“. Mit einem „nur kurz“. Mit einem Lächeln an der falschen Stelle. Mit dem Bedürfnis, einen klaren Gedanken so zu verpacken, dass niemand daran hängen bleibt. Auf Dauer entsteht daraus ein Muster: Die eigene Wirkung wird kleiner, obwohl die eigene Kompetenz längst groß genug wäre.
Was die Autorin auf keinen Fall behaupten möchte, dass Frauen „wie Männer“ führen müssten. Gerade das wäre die langweiligste Variante eines Female-Leadership-Buchs. Ihr Gegenentwurf lautet nicht: härter werden, kälter auftreten, die Ellenbogen ausfahren. Vielmehr geht es um Klarheit ohne Selbstverrat.
Schlögl beschreibt Female Leadership nicht als Trend und nicht als Quote, sondern als Weiterentwicklung von Führung: klar, präsent, verantwortungsvoll und menschlich. Sie grenzt sich dabei ausdrücklich von einem „Frauen gegen Männer“-Verständnis ab. Die besten Ergebnisse entstünden dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.
Das ist wichtig, weil der Titel leicht missverstanden werden kann. „Führung braucht Eierstöcke“ provoziert absichtlich. Er bleibt hängen, keine Frage. Er kann aber auch Leserinnen abschrecken, die keine Lust auf Kampfrhetorik haben. Wer jedoch genauer hinsieht, merkt: Schlögl nutzt die Zuspitzung nicht, um Männer abzuwerten, sondern um ein altes Muster aufzubrechen.
Wenn Klarheit bei Frauen anders bewertet wird
In vielen Organisationen wird weibliche Klarheit noch immer anders gelesen als männliche. Was beim Mann als konsequent gilt, wird bei Frauen schneller als schwierig, hart oder unangenehm etikettiert. Genau diese doppelte Bewertung beschreibt Schlögl als klassisches Spannungsfeld: Sind Frauen direkt, gelten sie schnell als schwierig; sind sie vorsichtig, werden sie weniger ernst genommen.
Damit trifft das Buch einen Nerv, der über persönliche Karrierefragen hinausgeht. Female Leadership ist kein reines Selbstoptimierungsthema. Es geht auch um Unternehmenskultur. Österreichische Daten zeigen, dass Frauen in wirtschaftlichen Spitzenfunktionen zwar sichtbarer werden, aber längst nicht gleich verteilt vertreten sind. Laut Bundesministerium stieg der Frauenanteil in den Aufsichtsräten quotenpflichtiger börsennotierter Unternehmen von 16,1 Prozent im Jahr 2017 auf 35,5 Prozent im Jahr 2026; die Arbeiterkammerverweist zugleich darauf, dass 130 der 200 umsatzstärksten österreichischen Unternehmen keine einzige Frau in Vorstand oder Geschäftsführung haben.
Vor diesem Hintergrund liest sich „Schluss mit nett“ nicht nur als Ermutigungsbuch, sondern auch als Kommentar zu eingefahrenen Organisationslogiken.
Besonders überzeugend wirkt das Buch dort, wo Schlögl Führung nicht romantisiert. Führung heißt bei ihr nicht, stets souverän durch den Raum zu gleiten. Es geht um Entscheidungen, Gespräche, Grenzen, Systeme, Energie. Also um die Dinge, an denen Führung im Alltag tatsächlich hängt.
Der Unterschied liegt im Blickwinkel: Es geht im Buch nicht nur darum, effizienter zu werden, sondern um die Frage, warum viele Frauen ihre Wirksamkeit ausgerechnet dort zurücknehmen, wo sie längst führen könnten.
Damit hebt sich das Buch von jenen Ratgebern ab, die Führung vor allem über Methoden erklären. Schlögl interessiert sich stärker für die inneren und äußeren Reibungen: Warum fällt es schwer, eine Grenze zu setzen? Warum wird ein klarer Satz innerlich abgeschwächt? Warum übernehmen viele Frauen Verantwortung, bevor sie offiziell Macht bekommen und zögern gleichzeitig, diese Macht später auch sichtbar auszufüllen?
Cornelia Schlögl will Female Leadership neu ausrichten
Die Grenze zwischen Selbstverantwortung und Strukturkritik
Man kann an dem Buch dennoch etwas reiben. Wenn Frauen lernen sollen, sichtbarer zu werden, darf das Unternehmen nicht aus der Verantwortung entlassen werden.
Gerade darin liegt eine wichtige Qualität des Buches: Es spricht Frauen persönlich an, ohne die organisatorische Ebene völlig auszublenden. Das ist ein schmaler Grat. Zu viel Selbstverantwortung klingt schnell nach: „Dann müsst ihr euch eben besser durchsetzen.“ Zu viel Strukturkritik kann wiederum lähmen. Schlögl sucht offenbar einen Mittelweg: Frauen sollen ihre eigene Wirkung ernst nehmen, aber Unternehmen müssen ebenfalls prüfen, welche Muster sie täglich reproduzieren.
Ein Ton, der nicht allen gefallen wird
Auch sprachlich dürfte das Buch polarisieren. Begriffe wie „Eierstöcke“, „Nettigkeitsfalle“ oder „Klartext-Upgrade“ sind bewusst nicht neutral. Das kann frisch wirken, vor allem für Leserinnen, die genug von weichgespülten Karrierefloskeln haben.
Genau darin liegt vermutlich die Absicht: Schlögl schreibt nicht für Menschen, die noch eine austauschbare Anleitung zu „authentischem Leadership“ suchen. Sie schreibt für Frauen, die den inneren Filter kennen, der vor jedem klaren Satz anspringt: Ist das zu direkt? Wirke ich dann hart? Muss ich das noch freundlicher verpacken?
Am stärksten ist das Buch dort zu erwarten, wo Erfahrung hörbar bleibt. Schlögl erzählt auf ihrer Website, sie sei in einem leistungsorientierten Familienunternehmen aufgewachsen, habe sich beruflich von der Buchhaltung bis in die erweiterte Geschäftsleitung hochgearbeitet und sei oft die einzige Frau unter Männern gewesen. Solche biografischen Linien sind für ein Führungsbuch wertvoll, solange sie nicht zur Heldinnenerzählung werden. Sie machen glaubwürdig, warum die Autorin nicht über weibliche Führung als Trend spricht, sondern über ein erlebtes Spannungsfeld aus Leistung, Anpassung, Verantwortung und Selbstbehauptung.
Für wen dieses Buch besonders interessant ist
Vor allem für Frauen, die bereits Verantwortung tragen oder kurz davorstehen: Teamleiterinnen, Projektverantwortliche, Unternehmerinnen, HR-Frauen, Frauen im Mittelstand, Frauen in männerdominierten Branchen. Es dürfte aber auch für Männer in Führungspositionen lesenswert sein, sofern sie bereit sind, die eigene Meeting-, Beförderungs- und Feedbackkultur genauer anzusehen.
Denn viele der beschriebenen Muster entstehen nicht im Kopf einzelner Frauen, sondern in Räumen, in denen bestimmte Stimmen leichter Gewicht bekommen als andere. Wer Teams führt, sollte deshalb nicht nur fragen, ob Frauen mutig genug auftreten. Die bessere Frage lautet: Welche Art von Auftreten wird hier ernst genommen und welche wird abgewertet?
Fazit: Direkt, praxisnah und bewusst unbequem
„Schluss mit nett – Führung braucht Eierstöcke!“ ist kein stilles Buch. Der Titel drängt sich vor, manchmal vielleicht ein wenig grob, aber nicht ohne Grund. Cornelia Schlögl bringt Praxis, HR-Erfahrung und eine klare Haltung zusammen. Das Buch verspricht keine neue Rolle für Frauen, sondern eher das Gegenteil: weniger Rolle, mehr Linie.
Wer ein direktes, praxisnahes und bewusst unbequemes Führungsbuch lesen möchte, das weibliche Selbstverkleinerung ernst nimmt, ohne Frauen Härte als Lösung zu verkaufen, sollte diesen Titel im Blick behalten.
Zur Autorin:
Cornelia Schlögl ist HR-Expertin mit Jahrzehnten an Erfahrung in der Teamführung in einem südsteirischen Leitbetrieb. Die Mutter zweier Kinder wohnt mit ihrem Mann in Leibnitz in der Südsteiermark.
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Michael Jagersbacher ist Bestseller-Autor, Content-Stratege und ist Gründer der Exzellents Group. Mit seinen Fachportalen, darunter Steirische Wirtschaft, LeaderMagazin und WirtschaftsCheck, steht er seit Jahren für fundierten Wirtschaftsjournalismus und strategisches Storytelling, das den Mittelstand nachhaltig stärkt. Als Autor und Ghostwriter begleitet er Unternehmer beim Verfassen eigener Bücher, um ihre Expertise überzeugend zu positionieren und ihre Marke zu profilieren. Seine Leidenschaft gilt der Verbindung von Markenstrategie, Medienarbeit und Content-Marketing.